Mittwoch, 30. Mai 2018

Writing Excuses – Masterclass #10: Struktur und Story Q & A

Willkommen zurück zu den Writing Excuses. Im letzten Beitrag haben wir uns mit Fragen befasst, die ihr euch stellen könnt, um eure Geschichte besser formen zu können, welche Fragen sich Leser stellen könnten und wie es möglich ist, Plotlöcher zu stopfen.

In diesem Artikel geht es um direkte Fragen zum Thema Struktur, welche die Podcasthörer beschäftigen. Storystrukturen sind Werkzeuge. Ihr müsst schauen, ob sie euch helfen. Tun sie das nicht, legt sie beiseite und versucht etwas anderes. Keines dieser Werkzeuge ist ein Zauber, das euer Buch schreibt. Es sind nur Hilfsmittel, die euch unterstützen, eure Gedanken zu organisieren. Macht euch nichts daraus, wenn es euch nicht gelingt, alles beim ersten Mal perfekt anwenden zu können. Für viele ist es neu und manche können einfach nicht viel mit Struktur anfangen. Trotzdem sind im Folgenden für alle Interessierte ein paar Fragen zum Thema im Podcast zusammengefasst. 





1) Macht ihr euch vor dem eigentlichen Schreiben der Story bewusst Gedanken darüber, wie ihr eure Story strukturieren wollt?

Ja. Obwohl es schonmal passieren kann, dass wir während des Schreibens merken, wie interessant und wichtig ein bestimmter Konflikt ist - anders als erwartet. Dann geht einen Schritt zurück und ändert euren Anfang. Vielen hilft es auch, sich einfach ein Stück einzuschreiben. Das kann helfen, um zu sehen, wie die Story anläuft oder die Charaktere ticken und daraus einen Rahmen oder eine Struktur zu entwickeln.

 

2) In der Vergangenheit wurden in den Writing Escuses viele Storystrukturen vorgestellt (MICE, 7-Punkt, Hollywood usw.) Würde es helfen, wenn man versucht, seine Geschichte in so viele Strukturen wie möglich einzupassen oder ist es am besten, sich auf eine festzulegen?

Oftmals sind Strukturen ein nützlicheres Instrument, um zu diagnostizieren, was mit der Story schief gegangen ist, als genaustens damit zu planen. Es ist immer am besten, sich eine rauszusuchen und zu lernen, wie sie funktionieren. Nicht vergessen: Es sind alles nur Werkzeuge. Arbeitet mit demjenigen, welches für euch im Augenblick am besten funktioniert. Oft ändern sich diese Hilfsmittel mit der Erfahrung und dem Erfolg und werden angepasst. Es hängt immer davon ab, was ihr machen wollt. Um eine Bank zu bauen, benötigt ihr schließlich auch andere Werkzeuge, als bei einem Zelt.

 

3) Verwendet ihr ein bestimmtes Hilfsmittel, um die Struktur eurer Story zu betrachten? Wenn ja, welche sind das und wie können sie uns helfen?

Document map für Microsoft Word, um mal spontan einen Rahmen mit Zielen und den einzelnen Schritten, die man benötigt, um die Ziele zu erreichen, zu erstellen.

Scrivener und seine Korkwand mit Karteikarten und Post-its. Ihr könnt darauf sogar eine kurze Zusammenfassung schreiben, ihm einen Titel und eine spezielle Farbe geben, die einem bestimmten Charakter zugeordnet werden kann.
Aeon timeline, wenn es ums Zeitmanagement innerhalb einer Story geht. Das Lernpensum bei letzterem Programm ist am zeitintensivsten.

 

4) Was denkt ihr über Cliffhanger? Mögt ihr sie? Hasst ihr sie? Wie kann ein Autor sie effektiver einsetzen?

Gegenfrage: Wofür verwendet ihr sie? Nur, um jemanden dazu zu zwingen euer nächstes Buch zu kaufen? Das ist ein schmutziger Trick. Nutzt ihr sie jedoch, um zu überraschen und etwas Mystisches zu kreieren, sodass die Leute das Buch unbedingt kaufen wollen, um die Antwort darauf zu finden? Das ist gut, dann ist den Lesern die Spannung wichtiger, als der Punkt, dass sie die Antwort noch nicht kennen. Das Ergebnis eines Cliffhangers sollte für den Leser positiv sein.

Wenn ihr einen Cliffhanger am Ende eines Kapitels verwendet, sollte euer Ziel nicht nur sein, den Leser auf Teufel komm raus zur nächsten Seite zu bewegen. Ihr könnt nicht jemanden von einer Klippe stürzen, nur im nächsten Kapitel dem Leser zu eröffnen, dass es nur ein kleiner Vorsprung war. Dann fühlen sich eure Leser ein wenig betrogen. „Er öffnete die Tür und ...“ ist einfach langweilig. „Er öffnete die Tür und sah (etwas, das alles veränderte)“ Ihr müsst dem Leser schon zeigen, was hinter der Tür ist (und am besten ist es Etwas, dass das bisherige Leben des Protagonisten total aus den Bahnen wirft).

Jeder Leser möchte natürlich wissen, was los ist, wie der Charakter mit dieser Entdeckung umgeht und wie sich diese auf die Geschichte auswirkt. Das ist ein guter Cliffhanger. Den müsst ihr auch nicht sofort auflösen, nachdem die Tür geöffnet wurde. Vielleicht gibt es dazu erst ein Ergebnis im nächsten Buch. Deswegen würden die Leser euer nächstes Buch auch gerne kaufen, nicht, weil sie sich dafür genötigt fühlen, weil es im letzten Kapitel einfach abbricht.

 

5) Gibt es eine bestimmte Zeit, die man für die Einleitung nutzen sollte? Wie viel Zeit muss vergehen, bis man den ersten wirklichen Zwischenfall anregen kann?

Hier gibt es keine feste Regel. Ein Gedankengang kann euch helfen: die Einleitung ist dann lang genug, wenn der Leser erfahren hat, warum das Ereignis bzw. der Zwischenfall so wichtig für die Geschichte ist. Ihr müsst erklärt haben, wer der Hauptcharakter ist und wie seine momentane Lebenssituation ist. Dann wisst ihr auch, was wann passieren muss, um diesen Alltag aus den Fugen zu bringen.

 

6) Wie geht ihr damit um, wenn ihr bereits einen guten Weg durch eure Story gefunden habt, aber realisiert, dass die Struktur nicht funktioniert? Ist es besser einfach weiter zu machen und zu beenden, was man begonnen hat, oder besser es an Ort und Stelle zu ändern und noch einmal vom Anfang zu beginnen und es mit der neuen Struktur zu versuchen?

Erstens: nehmt euch ein Glas Scotch (oder auch Sekt oder ein Bier). ;-) Bringt euren Kopf in Schwung. Esst ganz viel Eiscreme. Dann erst ändert ihr, was nicht funktioniert. Denkt daran: je länger ihr auf dem Weg geht, der nicht funktioniert, um so mehr müsst ihr am Ende ändern. Macht euch Notizen an den Stellen, die ihr ändern wollt, dann schreibt an der Geschichte weiter, als hättet ihr diese Änderungen alle schon eingefügt. Am Ende könnt ihr dann noch einmal zurückgehen.

 

7) Gibt es einen Unterschied zwischen der Struktur von Kurzgeschichten und Romanen?

Ein Roman ist wie die Olympischen Spiele, eine Kurzgeschichte eher wie ein Youtubevideo mit Sporttricks. Im Roman möchtet ihr alles über die Hintergrundgeschichte der handelnden Personen wissen, wie sie ankommen, sich warm machen, wie ihre Karriere angefangen hat, die Höhen und Tiefen, ihr seht den Wettbewerb, die Gegner, den Trainer, die Show, ihre tollen Tricks und die Siegerehrung… In einem Youtubevideo würdet ihr nur das Sportelement und die Tricks selbst sehen, das ist alles, was ihr in diesem Augenblick sehen wollt.

Andererseits sind beide Arten sich im Grundaufbau sehr ähnlich. Ihr braucht einen Anfang, einen Hauptteil und ein Ende. Dabei handelt es sich jedoch um eine eher westeuropäische Art von Aufbau einer Geschichte. Storys in Japan sind oft anders aufgebaut. Hier werden viel mehr kleine Details vernetzt, die wiederum etwas auswirken. Dies kann für uns ein wenig verwirrend sein. Das bedeutet nicht, dass sie schlecht schreiben. Und das ist der Punkt. Vielen von euch ergeht es vielleicht auch ab und an so: Eure Story passt nicht so ganz in die traditionelle Struktur. Sollte dies der Fall sein, lest Sachen aus anderen Genres oder Kulturen und schaut, wie diese aufgebaut sind. Vielleicht funktioniert etwas für euch, was für uns eigentlich nicht üblich ist. Scheut euch nicht davor, etwas Neues auszuprobieren.
 


Eine geeignete Struktur zu finden, ist nicht einfach. Es gibt Autoren, die brauchen nur eine grobe Grundstruktur und kommen damit gut zurecht. Andere wiederrum müssen alles genau durchplanen. Gerade deshalb gibt es keine Geheimrezepte, wann etwas besonders gut funktioniert. Probiert es aus. Es kann sich tatsächlich von Projekt zu Projekt unterscheiden.

 

Schreibaufgabe:

Überlegt euch ein paar Versprechungen, die ihr gegenüber den Lesern macht. Wie muss eure Geschichte aufgebaut sein, um diese Versprechungen zu erfüllen? Wenn ihr sagt, ihr schreibt einen Krimi, dann schreibt auch einen. Eure Outline basiert auf dieser Versprechung, denn dazu gehören immer Elemente, die typisch für diese Art von Geschichte sind. Diese machen sie erst zu einem Krimi. Überlegt euch ein Versprechen, sucht nach den konstituierenden Merkmalen und outlined damit eure Geschichte. Arbeitet ihr schon an einer Geschichte, dann haltet einmal inne und überlegt euch, ob euer Versprechen an den Leser erfüllt wird.


Bis zum nächsten Mal. Dann geht es um Anfänge und Einleitungen.

Eure Anki


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Zum Weiterlesen:


 


Fasziniert von der Welt, mit zu vielen Hobbys im Gepäck, versucht Anki ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Worten, aber auch mit Foto und Design greift sie auch anderen gerne unter die Arme. Willkommen beim Zeitfänger!
 




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