Mittwoch, 21. Februar 2018

Mach mal schneller! – Vom hohen Druck beim Selfpublishing

Selfpublishing …

Ich habe mich früh für diesen Themenmonat eingetragen und wusste bis vor wenigen Tagen noch nicht wirklich, worüber ich schreiben wollte. Ich hatte gedacht, dass mir die Wahl eines Themas leicht fallen würde. Aber alles, was mir einfiel, gab es auf hunderten anderer Blogs bereits. Und vermutlich besser, als ich es je schreiben konnte. Dabei lag das Thema für mich eigentlich auf der Hand. Denn es gibt eine Frage, die mich seit letztem Oktober immer wieder beschäftigt: Welchen Standpunkt hat das Selfpublishing in meinem Leben? Was will ich damit wirklich erreichen? Wie schnell?



Kannst du 50.000 Wörter in einem Monat schreiben? Du solltest aber doch zumindest täglich schreiben. Wenn schon nicht täglich, dann zumindest regelmäßig. An einem festen Tag. Zu einer festen Zeit. Sonst wird das nie was! Schließlich musst du vier Bücher im Jahr rausbringen, um deine Fans bei der Stange zu halten. Also sicherlich aber drei. Naja, wenn du davon leben willst, dann schon mindestens vier.

Das sind die „Tipps“ die man als Autor auf verschiedenen Blogs findet, die immer und immer wieder wiederholt werden. Statistiken, die einem sagen wollen, wie man es als Selfpublisher schaffen kann. Ich habe schon so einiges versucht, um mit dem Tempo mitzuhalten und jedes Mal ist genau das Gegenteil passiert: Ich habe weniger geschrieben als zu jeder anderen Zeit.
Das Tempo, das dort angefordert wird, kann einen ganz schön unter Druck setzen. Vor allem, wenn man am Anfang seiner „Karriere“ steht, noch einen Beruf hat, mit dem man sein Geld zum Überleben verdient.

Ich habe studiert – etwas ganz anderes, das nichts mit dem Schreiben zu tun hat. Ich arbeite in einem Job, den ich sehr, sehr gerne mache. Gleichzeitig ist Schreiben das, was ich immer tun wollte. Ich habe mir eigentlich meine beiden Träume erfüllt: Ich habe mein Traumstudium gemacht, arbeite jetzt in diesem Bereich und lebe nebenher meinen zweiten Traum, das Schreiben, aus. Wozu also der ganze Stress?

Im November und Dezember war ich so genervt von all den Anforderungen, die ich mir selbst gestellt hatte (und die Überstunden in meinem Job waren nicht gerade zuträglich), dass ich erstmal alles beiseitegelegt hatte. Ich habe eine Schreibpause gemacht. Bis Mitte Januar. Dann habe ich von Vorne angefangen, ohne irgendwelche Ansprüche. Ich setzte mich nun an meine Texte, wenn ich Zeit dafür habe. Regelmäßig, aber ohne Zwang. Wenn ich dienstags abends mit Freunden Essen gehen möchte, tue ich das. Es gibt keine Schreibsamstage mehr, an denen ich irgendwas dringend fertig machen muss oder selbstgesetzten Deadlines hinterherrenne. Klar, hieve ich mich auch mal vom Sofa hoch und setzte mich mit geringer Motivation an den Laptop, wenn ich weiß, dass ich die nächsten Tage keine Zeit zum Schreiben haben werde. Ich versuche, nicht zu prokrastinieren. Gleichzeitig habe ich die langsame, gemütliche Arbeit für mich neu entdeckt. Und das ist um so vieles befriedigender für mich, als dieses zwanghafte Wörter runterreißen. Meine Texte gefallen mir besser, ich muss weniger überarbeiten. Ich schreibe eine Szene, wenn ich sie gründlich durchdacht habe. Ich schreibe nicht, um irgendwas zu schreiben und eine gewisse Wörterzahl zu erreichen, sondern formuliere die Dinge aus, die ich wirklich erzählen möchte. Wenn überhaupt, setze ich mir ein zeitliches Ziel. Also z.B. wenigstens mal zwei Stunden konzentriert zu arbeiten.

Gerade am Anfang geht es doch darum, die eigene Sprache zu finden, einen eigenen Stil zu entdecken, Strukturen zu entwickeln. Natürlich geht es auch darum, fertig zu werden. Aber muss das wirklich innerhalb eines Monats passieren? Oder darf man nicht auch ein halbes Jahr oder zwei Jahre für sein erstes Werk brauchen? Nein! Denn es braucht ja schließlich vier Bücher pro Jahr, um vom Schreiben leben zu können. Und das mag ja alles stimmen. Vier Bücher pro Jahr helfen aber auch nicht, wenn diese unausgereift sind (egal, ob auf sprachlicher oder auf Plotebene).

Deshalb möchte ich diese Gedanken mit euch teilen. In den letzten Monaten habe ich auf facebook so viele Kommentare von anderen Autoren gelesen, die am Limit sind, die aus den verschiedensten Gründen enttäuscht und ausgelaugt sind, nicht wissen, ob sie weitermachen sollen oder können. Und da fragte ich mich, ob dieser Druck es wert ist, sich dieses wunderbare Hobby, diese (eigentlich) erfüllende Tätigkeit kaputt machen zu lassen?

J.K. Rowling hat angeblich sechs Jahre gebraucht, um den ersten Teil von Harry Potter zu schreiben. Haruki Murakami hat sein erstes Buch in den frühen Morgenstunden geschrieben, nach der Arbeit in seinem Jazzclub, bevor er schlafen ging. Und als er anfing zu schreiben, hatte er noch nicht einmal den Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden (und keinen vernünftigen Stift, den musste er sich erst noch schnell kaufen). Ja, es gibt sie, die Wunderkinder, die ihren ersten guten Roman innerhalb von 30 Tagen geschrieben haben. Aber das gilt einfach nicht für jeden – auch nicht unbedingt für die „ganz großen“.

Mir ist klar, dass nicht jeder das Glück hat, neben dem Schreiben noch seinem Traumberuf nachzugehen. Natürlich will man schnelle Erfolge haben, wenn das bedeutet, von irgendeinem langweiligen Job wegzukommen – aber zu dem Preis, dass wir von unserer liebsten Tätigkeit irgendwann genug haben? Das Tempo, das wir von uns selbst fordern ist mitunter einfach nicht machbar. Warum nicht einen Schritt nach dem anderen gehen? Ich Ruhe, ohne Stress das erste Buch fertig schreiben und veröffentlichen. Dann schauen, wie es läuft, welche Kritik es gibt. Das nächste wird vermutlich zügiger fertig werden. Vielleicht kommt dann schon ein bisschen Geld rein und man kann seine Stunden im Job reduzieren, mehr schreiben. Ich glaube inzwischen, dass man mit etwas Geduld insgesamt schneller ans Ziel kommen kann (oder zumindest um einiges nervenschonender …).

Ich würde auch gerne irgendwann mit dem Schreiben Geld verdienen, mir ein zweites Standbein aufbauen. Und daran arbeite ich. Kontinuierlich. Aber inzwischen ohne Druck. Und dadurch habe ich die Freude am Schreiben wiedergefunden. Ich betrachte es inzwischen als „seriöses Hobby“. Ich nehme das Schreiben ernst. Ich will mich verbessern, ich will gute Bücher schreiben. Aber dafür darf ich ruhig noch eine Weile brauchen. Ich arbeite stetig dran, ohne irgendeiner Statistik hinterherzurennen und habe wieder Spaß an der Sache (und komme mit meinen Texten gerade richtig voran).

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Zum Weiterlesen:


Sabrina bloggt außerdem auf sabi-writing-whatever.com 

    6 Kommentare:

    1. Es gibt allerdings noch einen anderen Grund für das "schnelle" Schreiben - wobei ich 1.000 Wörter pro Stunde nicht ernsthaft als "schnell" ansehen kann. Wenn man nämlich kontinuierlich schreibt, verbannt man den inneren Zensor aus dem Kopf. Auch die sogenannte Schreibblockade ist eher etwas für Zauderer. Als ich vor zwanzig Jahren Profi-Autor wurde, gab es noch gar kein Selfpublishing. Zum Geldverdienen blieben damals vor allem Heftromane - oder kannst du von zwei Taschenbüchern pro Jahr leben? Ernsthaft? Letztlich muss natürlich jeder Autor selbst wissen, was er macht. Ich erzähle mir meine Geschichten schriftlich selbst, und da will ich doch wissen, wie es ausgeht - und zwar möglichst bald ;-)

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    2. Hallo ihr lieben,

      es freut mich, dass euch mein Artikel gefällt :-)

      Liebe/r Bbrgfelder, du hast Recht. Es gibt auch gute Gründe, schnell zu schreiben. Und für einige mag das gut möglich sein. Hier ging es eher um die, die krampfhaft versuchen, all den Schreibtipps für Schnelligkeit hinterherzuhecheln, koste es, was es wollte (die Freude am Schreiben, Textqualität usw ...). Nein, von zwei Taschenbüchern im Jahr kann wohl kaum einer leben. Trotzdem. Vier davon rauszubringen, die qualitativ nicht gut sind und einen an die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit bringen, hilft halt auch nicht ;-)

      Liebe Grüße,
      Sabi

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    3. Hallo, Sabrina!
      Ein wunderbarer Artikel, mit dem du mitten ins Schwarze triffst. Ich liebe meinen Brotjob auch, aber in der Firma wird es immer schlimmer, ich muss da weg. Ein neuer Job liegt in dem Bereich aber nicht mal eben auf der Straße. Und so wird der Wunsch, den ich seit Teenagerzeiten hege, vom Schreiben leben zu können, immer größer.
      Ich tue, was ich kann, komme aber zeitlich oft in die Bredouille. Mit einem müden Hirn lässt sich nicht ordentlich schreiben.
      Ich versuche auch, mit von außen nicht zu sehr stressen zu lassen. Ich will schreiben, weil ich es liebe und mir die Geschichten gar keine andere Möglichkeit lassen, als sie niederzuschreiben. Und wenn ich am Wochenende 1 - 2 Stunden früher aufwache also üblich, weil mein Hirn die aktuelle Story weiterspinnt, dann weiß ich, dass alles gut ist. ;-)
      LG, Sontje

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